Wenn Geist zu haben heißt, sich Vorstellungen zu machen, dann heißt Kunst, Betrachter dazu zu bewegen, sich bestimmte Vorstellungen zu machen. Bildhauer und Maler schaffen dafür anschauliche Gebilde, die von ihnen selbst oder Helfern verfertigt werden. Die Zu- und Vorbereitung der zur Verfertigung eingesetzten Materialien sowie die Verfertigung der Kunstwerke erfordern gelegentlich hohe handwerkliche Fähigkeiten. Viele Betrachter halten das handwerkliche Können für etwas künstlerisch Wesentliches. Das ist es aber nicht.

Erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Trennung der Betrachtung des künstlerischen Handwerks von der des künstlerischen Gegenstands thematisiert und im Kunstwerk vollzogen. Heute ist es möglich, Kunstwerke rein, ohne Berücksichtigung des Handwerks, zu betrachten.

Elke Lennartz gehört zu den Künstlerinnen, die unsere immer noch vorhandene Neigung, nach dem Handwerk zu fragen und das Kunstwerk handwerklich zu beurteilen, strategisch unterlaufen.

Zum einen findet sich diese Strategie schon in ihrem handwerklichen Zugriff – weshalb es überraschenderweise doch wichtig ist, ihr Handwerk zu betrachten. Elke Lennartz erarbeitet ihre Skulpturen fast ausschließlich aus standardisierten Industrieerzeugnissen, häufig Resten automatischer Fertigung, ihre Arbeitstechniken sind unkompliziert. Handwerkliche Virtuosität spielt keine Rolle. Nahezu jeder wäre nach kurzer Information über das Wie in der Lage, selbst Dinge á la Lennartz herzustellen – nur Kunstwerke wären sie nicht. (Wie es zum Beispiel nicht schwierig wäre, Formeln á la Einsteins E = m · c2 zu ersinnen und aufzuschreiben. Nur wissenschaftliche Formeln wären sie nicht.)

Zum anderen erklären Elke Lennartz‘ Kunstwerke ihre technische Entstehung für völlig irrelevant. Lässt man sich betrachtend auf ihre Kunstwerke ein, erfährt man geradezu, dass Wissen um ihre handwerkliche Verfertigung der Begutachtung nicht ein Gramm Lust oder Bedeutung hinzufügt. Elke Lennartz‘ gelungene Kunstwerke geleiten den Betrachter durch ihre Überzeugungskraft in eine Welt, die sich selbst – und dem Betrachter – genügt, unabhängig von den Bedingungen ihrer Kreation. Einerseits stehen Elke Lennartz‘ gelungene Kunstwerke nur für sich selbst, andererseits aber ziehen sie den Betrachter in eine Selbsterfahrung, die dem begrifflichen Γνῶθι σεαυτόν des Sokrates ein sinnliches Erkenne dich selbst! zur Seite stellt – der Betrachter fühlt sich im Innersten angerührt. Elke Lennartz‘ gelungene Kunstwerke führen uns gelungenes Sein vor, ohne dessen spezifische Bedingungen zu problematisieren. Vor solch gelungenem Sein erfassen wir uns und unsere Lebensaufgabe wieder.

Mai 2017
Jost Merscher